Entschädigung
Bundestag will sich um ausgebeutete Heimkinder kümmern
In den 50er und 60er Jahren wurden Kinder in deutschen Heimen zur Arbeit gezwungen und ausgebeutet. Für Wiedergutmachung will sich nun der Bundestag einsetzen.
21.09.2008
BERLIN - Nach der evangelischen Kirche will nun auch der Bundestag die lange verschwiegene Ausbeutung von Kindern in deutschen Heimen zwischen 1945 und 1970 thematisieren. Wie das Magazin „Der Spiegel“ berichtet, hat der Petitionsausschuss eine entsprechende Vorlage erarbeitet. Darüber hinaus will das Gremium nach Möglichkeiten der Wiedergutmachung für die Misshandlungen suchen.
Geplant sei eine bundesweite Konferenz, auf der Vertreter der Betroffenen mit ehemaligen Betreibern der Heime über konkrete Hilfen für die Geschädigten beraten sollen. Der Präsident der Diakonie, Klaus-Dieter Kottnik, habe Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) aufgefordert, die Finanzierung zu übernehmen. Vorgeschlagen wurde demnach auch eine Stiftung, in der neben Kirchen und Staat diejenigen Firmen einzahlen sollen, die von der Kinderarbeit profitiert haben.
Anfang vergangener Woche hatte die Diakonie in Niedersachsen die Misshandlung und den Missbrauch von Kindern in ihren Heimen in den 50er und 60er Jahren eingeräumt. (ut/dpa)
Unbarmherzige Schwestern
07.12.2008 - Welt am Sonntag - von Freia Peters
... Gerrit Wilmans, Anwalt der Heimkinder, ist optimistischer. In der Empfehlung an die Bundesregierung heißt es: "Der Petitionsausschuss sieht und erkennt erlittenes Unrecht und Leid, das Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Kinder- und Erziehungsheimen in der alten Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1945 und 1970 widerfahren ist und bedauert das zutiefst." Wilmans spricht von einer "politisch bindenden Formel". Auch wenn in den wenigen zugänglichen Akten von "leichter Heimarbeit" gesprochen werde, gebe es außerdem eine Fülle von Indizien, dass viele Kinder zur systematischen Zwangsarbeit verpflichtet worden seien. "Die meisten Heime haben sich selbst versorgt. Wie sollen denn die Einnahmen zustande gekommen sein?" fragt Wilmans, wo Geld doch bekanntlich nicht auf Bäumen wachse. Beweise erhofft sich der Anwalt nun von den Akten, auf deren Herausgabe der runde Tisch, so hofft er, pochen werde. ...
Freie Presse, 18.02.2009
Anwalt vertritt Ex-Heimkinder
„Unser Ziel ist eine generelle Lösung“
Der Hamburger Anwalt Gerrit Wilmans vertritt den Verein ehemaliger Heimkinder. Antje Kloppenburg sprach mit ihm über seine Erwartungen an den Runden Tisch.
Freie Presse: Der Runde Tisch behandelt nur die Schicksale ehemaliger West-Heimkinder, inwieweit sind ost-deutsche Kinder berücksichtigt?
Gerrit Wilmans: Vorab: Das Bundessozialgericht hat lediglich den Kindern Entschädigungen zugestanden, die im Jugendwerkhof Torgau gelebt haben. Ansonsten sind keine Fälle aus Ostdeutschland abgeschlossen oder gar generalisiert. Allerdings geht es in dem Bundestagsbeschluss zum Runden Tisch ausdrücklich um West-Fälle. Meines Erachtens gibt es aber keinen Grund, ehemalige Heimkinder aus dem Osten auszuschließen.
Freie Presse: Was erwarten Sie?
Wilmans: Ich hoffe, dass sich der Runde Tisch auf substanzielle Gespräche einlässt. Verzögerungstaktiken, die Entschädigungsfragen ausschließen, wären inakzeptabel. Entschädigung ist ein zentraler Punkt. Kaffeekränzchen mit einem warmen Händedruck am Ende lassen wir nicht zu.
Freie Presse: Was haben Sie für Möglichkeiten?
Wilmans: Es gibt internationale Vergleichsfälle wie Australien, Kanada, Norwegen oder Irland, wo die Entschädigungen bereits geregelt sind. Da es hier um Menschenrechtsverletzungen geht, wäre auch der Weg zu amerikanischen Gerichten offen. Es würde auf Beklagtenseite dann vor allem die Industriebetriebe treffen und die Kirchen. Zudem sehe ich eine Klagewelle auf die Bundesrepublik zurollen.
Freie Presse: Bei den Heimkindern kommt doch einiges zusammen.
Wilmans: Das macht es ja so kompliziert. Würden diese Fälle individuell geregelt, gäbe es große rechtliche Probleme. Das meiste ist längst verjährt. Unser Ziel ist deshalb eine generelle Lösung, ähnlich wie bei der Zwangsarbeiter-Entschädigung. Sie ist über eine Stiftung geregelt.
27.03.2009
Gemeinsame Presseerklärung des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V. und der Rechtsanwälte Dr.Vehlow & Wilmans
VOLLMER DÜPIERT BETROFFENE -
EHEMALIGE HEIMKINDER SETZEN SICH ZUR WEHR
Nach der konstituierenden Sitzung des Runden Tisches zur Heimerziehung in den 50er- und 60er Jahren vom 17.02.09 ist für den 02./03.04.09 die erste inhaltliche Sitzung des Runden Tisches angesetzt. Bereits im Vorfeld dieser ersten Sitzung sieht sich der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH), der am Runden Tisch die Interessen der geschätzt 500.000 Betroffenen vertritt, von der Leitung des Runden Tisches schikaniert. So wird seitens der Leitung des Runden Tisches, Bundestagsvizepräsidentin a.D. Dr. Antje Vollmer, und Norbert Struck (Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, AGJ) nachhaltig in die Personalhoheit des VEH eingegriffen. „Die Leitung des Runden Tisches
verweigert den von uns beauftragten Juristen den Zugang zum Runden Tisch. Hierdurch werden wir gegenüber den anderen Organisationen, die insgesamt sechs Juristen entsandt haben und zudem über große Mitarbeiterstäbe verfügen, von Frau Vollmer klar benachteiligt“ führt der Verhandlungsführer des VEH, Werner Molter, aus.
Monika Tschapek-Güntner, die amtierende Vorsitzende des VEH, ergänzt: „Geradezu skandalös ist der Vorgang, dass uns als einzigem Verband am Runden Tisch nicht zugestanden wird, unsere Delegierten selbst zu bestimmen“. Hintergrund ist die Weigerung der Moderatorin, die Ablösung des ehemaligen Ersten Vorsitzenden als Delegierten am Runden Tisch anzuerkennen, der, so Molter, „aufgrund seiner unkritischen Nähe zu Frau Dr. Vollmer kein Vertrauen mehr im Vorstand genoss.“
Auf kein Verständnis stößt auch die Weigerung der Geschäftsführung des Runden Tisches bei der Rechtsvertretung des VEH, die anzuhörenden Zeugen vor der Sitzung zu benennen: „Die Geheimniskrämerei um die Zeugen ist ebenso wie die übrigen Vorgänge der jüngsten Vergangenheit nur allzu durchschaubar. Wir kennen diese Strategien der Anspruchsvereitelung bereits aus anderen Akten“, meint Rechtsanwalt Gerrit Wilmans. Einen Schritt weiter geht der renommierte Opferjurist Michael Witti, der Wilmans beratend zur Seite steht: „Kopfschüttelnd nehmen wir wahr, wie Frau Dr. Vollmer zu Lasten der Opfer hier Eskalation betreibt und den früheren Titel der Bundestagsvizepräsidentin missbraucht“.
30.06.2010
Gemeinsame Presseerklärung des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V. und der Rechtsanwälte Dr.Vehlow & Wilmans
Missbrauchsopfer nun den Tätern endgültig ausgeliefert -
VEH und Anwälte setzen mit Beendigung des Mandates ein Zeichen.
Seit April 2006 kämpfen der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. (VEH) gemeinsam mit den Rechtsanwälten Dr. Vehlow & Wilmans für gesellschaftliche Rehabilitation und Entschädigung für ehemalige Heimkinder, die bis in die 1970er Jahre in staatlichen und konfessionellen Heimen Repressionen und Missbrauch ausgesetzt waren. Im Vorfeld der 8. Sitzung des Runden Tisches Heimerziehung (RTH) am 01./02.07.2010 haben die Rechtsanwälte nach ausführlicher Situationsanalyse den Entschluss gefasst, das vom VEH erteilte Mandat niederzulegen.
Dieser Entschluss liegt darin begründet, dass insbesondere die Betroffenen am RTH kein Interesse an einer professionellen und effektiven Vertretung von Opferinteressen gezeigt haben. „Den Interessenvertretern von Staat und Kirchen ist es gelungen, den größten Opferverband vom RTH fernzuhalten und stattdessen Betroffene am RTH zu installieren, die keine Legitimation aus der Opfergruppe haben, sich selbst überfordert sehen und als Statisten begreifen“, so Rechtsanwalt Gerrit Wilmans. Es sei bedauerlich, dass die Gruppe um Dr. Wiegand selbst vor dem Hintergrund des Zwischenberichts des RTH, der bereits weitreichende Weichenstellungen zum Nachteil der Opfer beinhalte, jede professionelle Opfervertretung ablehne, während der VEH und er selbst von einem Großteil der Betroffenen als Vertreter der Opfer angesehen werde, so der Hamburger Jurist. „Für den Verein und uns hat diese Sachlage die unangenehme Folge, von vielen Betroffenen möglicherweise für das Ergebnis des RTH verantwortlich gemacht zu werden, ohne dass wir auf dieses Ergebnis den geringsten Einfluss nehmen können“ begründet Wilmans die Entscheidung, der allenfalls eine geringfügige Entschädigung für einen kleinen Personenkreis prognostiziert. So sieht dies auch die Vorsitzende des VEH, Monika Tschapek-Güntner: „Viele Mitglieder sind dem Verein in der Erwartung beigetreten, dass wir am RTH eine Entschädigung für ehemalige Heimkinder erstreiten.Diese Verantwortung können und wollen wir nicht übernehmen. Für das Ergebnisdes RTH sind weder wir, noch die Anwälte, sondern allein diejenigen verantwortlich, die die Opferinteressen für einen Sitz am RTH aus den Augen verloren haben“, so Tschapek-Güntner. Ein Ende des Kampfes für die Interessenehemaliger Heimkinder mochte Tschapek-Güntner in der Beendigung der beidseits als angenehm und konstruktiv bezeichneten Zusammenarbeit nicht sehen: „Wir werden auch zukünftig keinen Beteiligten aus der Verantwortung für die ca. 800.000 ehemaligen Heimkinder entlassen. Das geschehene Unrecht lässt sich nicht durch einen warmen Händedruck wieder gutmachen. Unser Kampf für Entschädigung geht weiter, wenn auch nicht am RTH“.
+++ Wir weisen darauf hin, dass wir in der Sache der ehemaligen Heimkinder nicht mehr mandatiert sind +++
Betroffene setzen sich bitte in Verbindung:
c/o B. Diederich, Adlerstraße 74, 65193 Wiesbaden
Frau Brigitte Diederich, Tel.: 0611/41 95 96
Heinz-Jürgen Kriebel (Serafin), Tel.: 02306/91 29 353
Vorstand:
Frau Monika Tschapek-Güntner (1.Vors.), Tel.: 02921/13 60 8
Herr Heinz-Jürgen Overfeld (2.Vors.), Tel.: 030/83 03 70 74
Arbeitskreis - Öffentlichkeitsarbeit
Herr Helmut Klotzbücher, Tel.: 07731/79 72 04
Herr Dirk Friedrich, Tel.: 06106/15 37 9